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Foto: K. Marx


 

Zur Geschichte der Tour de Prignitz

Stand vom 16.02.2010

Wie kam es zur ersten Tour?
Die Mitarbeiter des Studios Perleberg suchten 1997 im Herbst nach einer Lösung, um während einer einwöchigen Umbauphase des Studios, die damalige 2-stündige Sendung „Regional Journal“ weiter aus der Prignitz senden zu können. Am Biertisch kamen die Redakteurin im Studio Perleberg, Heike Götz, sie moderiert heute „Die Landpartie“ beim NDR Fernsehen, und der Redaktionsleiter der Märkischen Allgemeinen, Bernd Atzenroth, auf die Idee, fordern wir doch einfach die Einwohner der Städte der Prignitz auf, mit uns durch den goldenen Herbst zwischen Lenzen, Wittenberge, Kyritz, Wittstock und Perleberg zu radeln.

Bei der allerersten Etappe waren 43 Radler am Start. Wie kann man sich das vorstellen?
Die Tour war etwas völlig Neues für die Region. Wir haben auf unserer Frequenz in der Prignitz (106,6 MHZ) und in der MAZ nicht wenig für die Radwanderfahrt geworben. Doch die Prignitzer sind ein Völkchen für sich. Sie warten lieber ab, ob der Nachbar vielleicht aufs Rad steigt. Jedenfalls waren wir am ersten Etappenziel, es war Bad Wilsnack, überglücklich, dass wir wenigstens diese 43 Radler heil ans Ziel gebracht hatten. Übrigens, an den Gartenzäunen in den Dörfern, durch die wir gefahren sind, standen wesentlich mehr Leute, die dem Häuflein Pedalrittern zuwinkten.
Nachdem Radler ihre Freude und ihren Spaß bei der ersten Etappe der Fahrt über Antenne Brandenburg und in der MAZ zum Ausdruck gebracht hatten, wuchs die Anzahl der Radler von Etappe zu Etappe.

Was bedeutet die Tour für die Region Prignitz? Wie engagieren sich die Bürgermeister der Städte, durch die die Tour führt?
Heute gehört sie zum festen Bestandteil im Terminkalender der Städte. Die Siegerstadt erhält ja immerhin am Schluss der Tour 5.000 € für einen guten Zweck. Bei Spiel, Spaß und Unterhaltung an den Etappenzielen müssen sie aber erst einmal Punkte sammeln. Das, was wir zunächst nur als Spaß ansahen, hat sich zu einem engagierten Wettkampf zwischen den Städten entwickelt. Da holten die Lenzener, deren Stadt direkt an der Elbe liegt, den Bürgermeister von Putlitz schon mal von der Stadtgrenze mit dem Angelkahn auf Rädern ab, um ihn im Triumpfzug zum Etappenziel zu fahren. Kindergärten, Sportgruppen, Chöre, Tanzgruppen, Schützenvereine oder auch die winkenden Senioren am Gartenzaun tragen zum bunten Bild der Tour für Jedermann bei. Und so ganz nebenbei lernen sich die Bürger der Städte und auch die Bürgermeister näher kennen. Vor der Tour kannte oftmals der Bürgermeister der einen Stadt seinen Amtsbruder in seiner Nachbarstadt nur mit dem Namen, nicht aber persönlich. Die Tour hat die Nachbarn zusammengebracht.

Sie können nicht einfach losradeln – was geschieht im Hintergrund? Wie lange wird die Tour vorbereitet?
Nun, vieles ist bei der 10. Tour zur Routine geworden. Man kennt die Behörden, bei denen man die Genehmigungen einholen muss. Der Caterer, der Busfahrer, die Fahraddoktoren, die Sekretärin, Rettungssanitäter, Reporter, Bürgermeister, Bühnenbauer, Techniker, die Tourpolizisten, die Kameraden der Bundeswehr, die Sponsoren und die vielen fleißigen Helfer sind mit den Jahren zu einer Tourmannschaft zusammengewachsen, bei der sich einer auf den anderen verlassen kann. Viele Helfer nehmen sogar Jahr für Jahr Urlaub, um ihren Platz im Tourpulk einnehmen zu können.
Doch der Teufel sitzt bei jeder Tour im Detail, so wird das auch bei der 10. Tour sein. Wenn es mal knirscht im Getriebe, dann bin ich zur Stelle. Das Ziel ist immer, die Radler dürfen davon nichts bemerken.

Ist das Wetter ein Thema für die Radlerinnen und Radler?
Weniger vielleicht für die Radler, meist haben sie Kleidung für alle Wettersituationen mit. Für uns Organisatoren ist es schon ein Thema. Entlädt sich, wie einmal in Bad Wilsnack, ein heftiges Gewitter mit strömenden Regen über die Radlerschar, dann steht schon die Frage, wo ist ein trockenes Plätzchen für mehrere hundert Radler? Keine große Halle oder Schule war am Startplatz vorhanden, nur die verschlossene Wunderblutskirche stand direkt vor uns. Der Kantor der Kirche war schnell gefunden, er schloss die Kirche auf, nahm an der Orgel Platz und spielte, bis sich das Donnergrollen und der Regen verzogen hatten.
Das aus der Not geborene Konzert hat uns jetzt bewogen, bei jeder Tour, auch bei hellem Sonnenschein ein Orgelkonzert in den Etappenplan einzubauen.

Die Tour hat sich zur größten Radwanderveranstaltung Norddeutschlands entwickelt – radeln auch Teilnehmer aus anderen Bundesländern mit?
Ich glaube, bis zur 5. Tour waren wir noch unter uns Brandenburgern. Danach kamen die Berliner, die jetzt schon sehr zahlreich sind und jedes Jahr auch wiederkommen. Dabei sind Radler aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern. Mal sehen, welches Bundesland in diesem Jahr dazukommt?

Gibt es schon Stammradler, die seit 10 Jahren mit auf Tour gehen?
Ja, zum Beispiel drei Familien, die aus der Lausitz kommen und einen Teil ihres Urlaubs bei der Tour de Prignitz verbringen. So kommt auch eine ehemalige Einwohnerin aus Kyritz, die jetzt in Heidelberg wohnt, in jedem Jahr zur Tour. Und Tatjana aus St. Petersburg kommt seit zwei Jahren zur Tour, sicherlich wird sie auch in diesem Jahr wieder in die schöne Prignitz kommen.

Was ist Ihr schönstes Tourerlebnis?
Für mich ist es immer das Erlebte bei der Etappe, die wir gerade gefahren sind. Eingeprägt bleibt natürlich, wenn sich, ich glaube, es war im Jahre 2002, in Perleberg bei einer Etappe fast 1.300 Radler aufs Rad schwangen, um am Nachmittag in Wittenberge anzukommen. Da waren plötzlich alle Organisatoren gefordert. Der Caterer musste fast doppelt soviel kochen wie bei normalen Etappen, die Busse und LKW für den Rücktransport mussten geordert werden. Wenn dann aber alle fröhlich am Etappenziel ankommen, dann ist das schon ein schönes Erlebnis. Dann schmeckt ein Preußen-Pils besonders gut.

Quelle: Wolfgang Henning, rbb-Intranet, Stand: 01.06.2007

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